Aug 03 2007
Musik und Spiritualität: Anregendes Symposium nicht zum Vergnügen
Im Foyer zwei alte Herren. Beim Wechseln der Schuhe, denn mit Straßenschuhen soll man nicht ins Innere des Konferenzzentrums. Es strengt beide an, schwerer Atem.
Musikalische Aufführungen zum Symposium (Bild: Trinosophie-Blog)
„Vergessen wir nicht, vieles von dem, was von Rijckenborgh vorausgesagt hat, ist nicht eingetroffen…,“ sagt vorgebeugt der eine. „Noch nicht,“ kommt es herausgepresst und bestimmt zurück. Die aufgeschnappte Szene zeigt, um was es beim Symposium „Musik und Spiritualität,“ letztes Wochenende in Caux/Montreux vorrangig ging: Das Ringen um Spiritualität.
Doch es ging auch um Musik. Um die Frage, wie Musik den Sucher in seinem spirituellen Streben unterstützen kann. Eingeladen hatte das Lectorium Rosicrucianum der Schweiz. Gut 300 Teilnehmer aus Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz waren erschienen. Etwa ein Drittel davon Gäste, also NICHT Schüler der „Internationalen Schule des Goldenen Rosenkreuzes,“ wie das Lectorium sich auch nennt.
Über Samstag und Sonntag verteilt gab es Vorträge und Workshops. Zwischendurch Aufführungen von Musikbeispielen. Samstag-Abend ein musikalisches Programm. Schüler des Lectoriums hatten ein Kammerorchester formiert. Zwei Geigen, Cello, Klavier, zwei Flöten und Harfe.
Symposium mit mehr als 300 Teilnehmern (Bild: Trinosophie-Blog)
Vorträge
Doch Musik würde man anders als sonst üblich erklären. Darauf wies Christoph Steen gleich zu Beginn hin. Gemeinsam mit Regula Niederberger referrierte er den ersten Vortrag des Symposiums mit dem programmatischen Titel: Musik – Ausdruck der großen Sehnsucht. Im Programmtext dazu:
Die Sehnsucht im Menschen ist … nicht frei von Wahnvorstellungen. Der Mensch muss untersuchen, ob seine Sehnsucht - in unserem Fall in der Musik - wirklich als Resonanz spiritueller Impulse angesehen werden kann, oder ob sie unter dem Einfluss unzähliger Äußerungen des menschlichen Egos zu einem Teil der Denaturierung geworden ist.
Musik also nicht zum Vergnügen oder persönlichen Wohlfühlen. Musik als Medium, das die Seele in den Grenzbereich ihrer Gefangenschaft in der Naturordnung des menschlichen Egos bringt. Musik als Begleiter auf einem Weg, der zur Befreiung aus dieser Naturordnung führt. Hin, in das „Königreich Gottes,“ einer anderen Daseinswirklichkeit, ihrer wirklichen Heimat.
Workshops waren Präsentationen in kleiner Runde (Bild: Trinosophie-Blog)
Die zitierten Musikbeispiele reichten von Beethoven, Ravel, Wagner, Satie und Busoni bis zur ostdeutschen Popgruppe KARAT, die mit ihrem 80er-Jahre Hit ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN – bewusst oder unbewusst eine Hymne auf die Transfiguration irdischen Seins komponiert hat.
Weitere Vorträge: „Das Geheimnis des Klangs“ – ein Exkurs in der Pythagoras zugeschriebenen Lehren über die harmonisierende Wirkung von Klängen - und „Musik im Dienste der Spiritualität“ – Wissenswertes über die Gesetzmäßigkeit des Goldenen Schnitts in der Musik. Referentinnen waren Annemarie Schultes und Fabiene Sulzer.
Workshops
Die angekündigten Workshops waren tatsächlich Präsentationen. Eine Art Fortführung der Vorträge im kleinen Kreis. Für mehr hätten die dazu reservierten 60 oder 90 Minuten auch nicht gereicht. Schade. Denn der Name WORK=SHOP suggeriert gemeinsames Schaffen. Was vor allem für Gäste eine gute Gelegenheit gewesen wäre, mit anderen Teilnehmern in näheren Kontakt zu kommen.
Die Themen:
- Sehnsucht in der Musik der Jahrhunderte
- Märchen und Musik
- Das Ohr als Sinnesorgan
- Orpheus
- R. Vaughan Williams: The Pilgrim’s progress
- G.F. Händel: The Messiah
Service
Der Konferenzort Foyer Catharose de Petri weit oben am Berg über Montreux am Westufer des Genfer Sees ist ein beeindruckender Hotel-Prachtbau des Belle Epoque. Umso überraschender die eher schlichte Ausstattung: Gemeinschafts-WC und Etagendusche, auf dem Zimmer Wasserhähne wie vor 100 Jahren, also OHNE Mischbatterie. In der Früh dann ein Stau verdutzter Gäste am Etagenklo. Dafür wird man im Zimmer aus einem heiseren Lautsprecher mit klassischer Musik geweckt. Man ist schließlich nicht zum Vergnügen hier. Dennoch entwickeln die ungewohnten Bedingungen einen eigenen Charme.
Es macht nachdenklich, was der Mensch so braucht oder auch nicht, und wie man mit unverhofften Beschwernissen harmonisch umgeht. Die Verpflegung war vegetarisch. Dennoch abwechslungsreich, wohlschmeckend und reichlich.
Harfenspiel gefiel besonders (Bild: Trinosophie-Blog)
Resümee
Keine Meditationen, keine Rituale, der Tempelbau blieb geschlossen. Kein Missionieren. Es bildete sich vom ersten Vortrag an ein spürbares Energiefeld. Es lag an jedem selbst, was er DARIN INNERLICH daraus machte. Beeindruckend, wie es das Lectorium schafft, dass persönliches Engagement einzelner Mitglieder nicht in priesterlichen Egotrip ausartet. Ein Übel, an dem die meisten anderen spirituellen Organisationen früher oder später scheitern. Wer sich mit den Schriften des Lectoriums auskannte, war deutlich im Vorteil. Ansonsten ist die theistisch geprägte Philosophie der „goldenen Rosenkreuzer“ nur schwer verständlich. Sehr aufgehoben dürften sich Theosophen und Antroposophen gefühlt haben. Wurden doch GEHEIMLEHRE und STIMME DER STILLE von H. P. Blavatsky als spirituelle Klassiker und Rudolf Steiner als „geistiger Arbeiter“ mehrfach zitiert.
Dennoch: Trotz perfekter Organisation und wohltuend harmonischer offener Atmosphäre ließen die Veranstalter stets konsequent keinen Zweifel offen, dass es ihnen nur um eines geht. Die Überwindung dessen, was die Buddhisten und Hindus MAYA nennen. Und was im Lectorium Naturordnung heißt.
Das hebt das Symposium aus der Masse sonstiger esoterischer Seminarangebote hinaus. Nicht intellektuelles REDEN über Maya, keine erbaulichen Meditationen, kein Weihrauch schwenken. Sondern es ernst meinen mit der Überwindung des geliebten Egos und den von ihm geschaffenen Illusionen.
Wer wollte, konnte seinen Aufenthalt verlängern und den Sommer unter Palmen am nahen Seeufer genießen.
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| Zuletzt aktualisiert: 10.03.2008, 21:36 Uhr
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