Waldorfschulen: Rudolf Steiner soll abgeschrieben haben

Juli 20th, 2007

Hessen ist bei Aussteigern aus Waldorfschulen ein Geheimtipp. Wer feststellt, dass sein Kind im besten Lernalter mit Geige spielen, Holzhütten bauen oder Gewänder schneidern nicht wirklich „fit für das Leben“ in einer Informationsgesellschaft wird, hat in einigen Bundesländern mit Problemen zu kämpfen.

xl_gemuese.jpgMit Steiner-Magie angebautes Demeter-Gemüse ist beliebt
(Bild: Trinosophie-Blog)

Die Rückkehr ins Schulsystem ist an Fristen und Bedingungen geknüpft. Wer die nicht erfüllt hat Pech. In Hessen jedoch ist der Übertritt einfach möglich. Wer eine hessische Oma besitzt oder sich vorübergehend einen zweiten Wohnsitz leisten kann hat Glück. Denn der Jugendliche muss lediglich hier wohnen. Nach der Wieder-Einschulung ist ein Schuljahresabschluss zu erreichen. Gelingt der, zieht man wieder zurück. JETZT ohne Hinderung, daheim in eine Realschule oder ein Gymnasium eintreten zu können.

Das deutsche Schulsystem ist im Brennpunkt öffentlicher Reformdebatten. Einzige Ausnahme bisher: das System der Waldorfschulen. Dabei wird seit 1919 unverändert eine Pädagogik eingesetzt, die anfänglich nicht nur „hastig zusammen gezimmert“, sondern „im Moment des Entstehens schockgefroren und zur unhinterfragbaren Leitlinie für alle Waldorfschulen wurde.“ (Zitat: Süddeutsche Zeitung, 18. Juli 2007). Politische, wirtschaftliche und kulturelle Änderungen in der Gesellschaft fanden und finden kaum einen relevanten Niederschlag im Unterricht. Jede Kritik an den Schriften oder der Person Steiners - der bei vielen Anthroposophen eine sakrosante Rolle einnimmt - ist tabu. Wer diesen Personenkult für unzeitgemäß hält, sich ihm widersetzt, wird persönlich angegriffen. „Jede Form kritischer Fragen sei abgeblockt worden und hätte ihre persönliche Abwertung zur Folge gehabt“ (ebenda). Den drei angehenden hier zitierten Lehrern der Waldorfpädagogik war das zuviel der Steiner-Verehrung. Sie haben den Dienst quittiert.

Nun kommt auch noch eine Untersuchung der Prüfstelle für jugendgefährdende Schriften dazu. Die meint, im Werk Steiners rassistische Elemente entdeckt zu haben. Zwar gehören Steiners Schriften sicher nicht zur bevorzugten Lektüre von Waldorfschülern. Nicht auszuschließen ist aber, dass in den Köpfen mancher Lehrer die teils skurrilen Rassenlehren Steiners herumgeistern und direkt oder indirekt im Unterricht eine Rolle spielen.

Das Sträuben gegen jede Form von Kritik hat einen guten Grund. Schließlich ist das ganze System ANTHROPOSOPHIE mit der Person und den Ansichten Steiners fest verdrahtet. Wird einzelnen Aspekten des Systems zugestanden, dass sie falsch oder wenigstens überholt sind, besteht die Gefahr eines Bruchs der Jahrzehnte gemauerten Schotten. Das SYSTEM als GANZES könnte kritisch hinterfragt werden. „Na und? Worin läge das Skandalon? Der Skandal ist doch, dass viele bis heute nicht bereit sind, das zu tun“ (ebenda).

Erfolgte die Rezeption der Schriften Steiners durch seine Anhänger bislang lediglich in einem missionarischen Sinne, kommt jetzt eine wissenschaftliche kritische Aufarbeitung von außen. Der Historiker Helmut Zander, Professor an der Humboldt-Universität, hat die Herkules-Arbeit auf sich genommen und auf 1.800 Seiten das Werk Steiners und die Geschichte der Anthroposophie im historischen Kontext systematisch untersucht („Anthroposophie in Deutschland“, Vandenhoeck & Ruprecht). Dabei kommen die Verdienste der Bewegung ebenso zur Sprache, wie der verlässliche Nachweis, dass Steiners Texte weitgehend aus irdischen Büchern stammen. Die Behauptung Steiners, aus vermeintlich „göttlichen Quellen“ zu schöpfen, hat heute viele Nachahmer gefunden. Heerscharen von Medien (Channel) behaupten dasselbe und beglücken ihre Anhänger mit den neuesten Durchsagen aus der „geistigen Welt.“

Entstehung der Anthroposophischen Gesellschaft

Zanders Untersuchung entschleiert auch die verklärte Legende über die Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft. Danach hat Steiner ganz bewusst darauf hingearbeitet, die Theosophische Gesellschaft Deutschlands für seine Interessen zu instrumentalisieren. Er deutete die Theosophie von H. P. Blavatsky, die bereits von ihrer offiziellen Nachfolgerin Anni Besant und deren Anhängern theistisch verfremdet wurde, weiter um. Mit seiner eurozentrischen Lehre gelang es Steiner, seine machtpolitischen Ambitionen in den Führungszirkeln der deutschen Theosophie erfolgreich umzusetzen.

Dass Steiner dabei besonders rücksichtslos und intrigant zu Werke ging, konnte – wer wollte – auch bisher schon nachlesen. Die Veröffentlichung von 81 Briefen aus dem Nachlass von Wilhelm Hübbe-Schleiden geben Gelegenheit dazu (Norbert Klatt: „Theosophie und Anthroposophie“, Göttingen 1993, s. LINKSUNTEN).

Auf die heutzutage der Jugendgefährdung verdächtigten Rassenlehre Steiners angesprochen, verweisen gelehrte Anthroposophen gern auf theosophische Schriften. Nicht Steiner hätte diese Rassenlehre propagiert, sondern die Theosophen. Auch diese Aussage ist nicht haltbar, wie Zander zeigt. Wenn Steiner von THEOSOPHIE spricht, meint er damit die Theosophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Jahrzehnt nach Blavatskys Tod hatte nicht nur zu einer Zersplitterung der Thesophischen Gesellschaft in sich bekriegende Gruppen mit teils Sektencharakter geführt. Die inzwischen unter dem Label THEOSOPHIE verbreiteten Schriften hatten nur noch wenig mit dem zu tun, was zu Lebzeiten Blavatskys darunter verstanden wurde. Nicht die ursprüngliche THEOSOPHIE der Jahre 1875-1891, die „Theosophie“ Anni Besants war es, derer sich Steiner bediente. Und zwar wissentlich.

Linksunten

Süddeutsche Zeitung: Hat er abgeschrieben?

Norbert Klatt - Theosophie und Anthroposophie

Popularity: 36%

Tags für diesen Beitrag: , , , , ,

Archiviert unter: H. P. Blavatsky, Zeitgeschehen

Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken | Zuletzt aktualisiert: 27.11.2007, 19:01 Uhr

Artikel mit ähnlichem Bezug:

>Demeter-Gemüse als homöopathische Fleischzulage>>Musik und Spiritualität: Anregendes Symposium nicht zum Vergnügen>>La Très Sainte Trinosophie - Nachlese>>Solunate nach Bernus: Gibt es Risiken und Nebenwirkungen?>>Schriften studieren und Bücher lesen>

Leave a Comment

You must be logged in to post a comment.

Subscribe to the comments via RSS Feed


Rubriken

Das Buch Trinosophie

Die zehn meist gelesenen Beiträge

Tags

Aberglauben Adepten Alchimie Alchimische Hochzeit Anthroposophie Astrologie Besant Bhagavat Gita Bibel Blavatsky Bodhisattva Books Buddhismus Chakren Channeling China Christian Rosenkreuz Dalai Lama Dogma Ego Entstofflichung Erleuchtung Esoterik Evolution Feuer Geheimlehre Glauben Gott Heilige Schrift Heilkunst Individuum Initiation Inkarnation Inquisition Internet Jesus Judge Karma Kirche Kloster Konzentration Krankheit Krieg Leben Lectorium Liebe Magie Mahatmas Manas Meditation Mind Musik Mystik Nach-Tod Papst Persönlichkeit Pflanzen Praxis Prediger Prem Priester Prophezeiung Psychologie Pythagoras Reform Reinkarnation Religion Rijckenborgh Rosenkreuzer Roter Löwe Saint Germain Schlangenfeuer Schule Seele SELBST Sex Sonne Spiritualität Symbole Taoismus Taro TCM Teufel Theosophie The Path Tibet Tiere Tod Training Transfiguration Unsterblichkeit Wasser Wassermann Weisheit Willen Yoga Zen

Erinnerung • Gedenken

Mondphase

Aktueller Mond
lunar phases

Blogroll

Links

Feeds

UserOnline

1 User Online

Die höchste Anzahl User:
23 am 03.01.2008 @ 21:10

Empfohlener Browser

Firefox 2

Kalender

Juli 2007
M D M D F S S
« Jun   Aug »
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031